Der Aha-Moment im „Emotion“ Heft 7/2012

Liebe Leserin, lieber Leser,

am Ende meines Treffens mit Christine Andrey fand ich mich zwar unverschämt, tat es aber trotzdem. Ich bat die professionelle Aufräumerin, einen Blick in ihren Kleiderschrank werfcn zu dürfen. Zu sehen waren: fünf, sechs Kleider, übersichtlich eingereiht, ebenso viele Hosen, ein akkurater Stapel T-Shirts, ein weiterer mit Pullis und Strickjacken, an der einen Innentür hingen ein paar Gürtel. Fertig. "Ich hab nur so viel, wie ich wirklich anziehe", lautete ihr Kommentar. Von so einem Schrankinneren träume ich. Jeden Frühling nehme ich mir vor, meine Garderobe auszusortieren. Radikal. Und dann zieht der Frühling ins Land und nichts passiert. Denn sobald ich ein Kleidungsstück, das ich drei, vier Jahre nicht mehr anhatte, kritisch in Augenschein nehme, gefällt es mir plötzlich wieder, zumindest für ein paar Sekunden - und ich hänge es zurück. Aber jetzt wird alles anders. Christine Andreys Schrank hat mich beflügelt. Ich werde einen neuen Versuch starten und jedes Teil gnadenlos in Augenschein nehmen. Nur eine Antwort werde ich gelten lassen: Ja oder Nein. Schliesslich geht es um viel mehr als das Stückchen Stoff auf dem Bügel. Es geht um die grosse Frage des Lebens: Wer bin ich? Wenn ich klar sehe, was ich wirklich brauche, weiss ich es. Und mit jeder noch so kleinen Entscheidung weiss ich's besser. Und sei es auch nur diejenige, ob ich mich nun endlich vom Cashmere- Pulli in diesem unglücklichen Beige-Ton trenne.

Monica Congiu., verantwortliche Redaktorin für emotion Schweiz